Internetsurfer von Zarzis / Internetzensur


Voici les scripts des émissions radio de l’ARD diffusés à l’occasion du SMSI. Nous tenterons de les traduire de l’allemand vers le français dans la mesure de nos possibilités *.

(*) La rédaction de RT recherche un traducteur allemand/français pour une mission ponctuelle non rémunérée.

Thema: Internetsurfer von Zarzis
Datum: Freitag, 11. November 2005
Länge/Sender: 3.52/SWR1/ARD

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Sie haben gesagt, wir stünden mit Al Qaida in Verbindung. Daß wir Bomben konstruieren wollten. Daß wir ohne die Genehmigung des tunesischen Staates Treffen organisiert hätten. Und daß wir Explosionsmaterial ohne Genehmigung gelagert hätten.

Ayoub Sfaxi ist 22 und wie er da über einer Tasse Tee im Café sitzt, wirkt er nicht gerade wie ein potentieller Bombenleger.
In Tunesien warten 13 Jahre Gefängnis auf ihn: die Internetsurfer von Zarzis wurden sie bald genannt – gemeint waren Sfaxi, seine engsten Freunde, ein anderer Jugendlicher, den er nicht kennt und ein Religionslehrer in der südtunesischen Stadt. Sie sollen sich per Internet dazu verabredet haben, auf staatliche Einrichtungen Bomben zu schmeißen, sagt der tunesische Stadt. Nichts davon ist wahr, sagen Menschenrechtler. Der Prozeß gegen sie spottete jeder Beschreibung, Folter ist in Tunesien keine Ausnahme, sondern die Regel.
Sfaxi ist ein Internetfreak, das stimmt.

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Die Seiten, die wir besucht haben, waren ganz normale Seiten. Das waren Seiten, die über den Islam informiert haben, über das Gute und das Schlechte.

Allein das reicht in Tunesien schon für eine Verhaftung: wer jung ist, sich einen Bart stehen läßt und in die Moschee gibt, ist automatisch Islamist und wird von der Polizei überwacht. Vor allem einer wie Ayoub Sfaxi. Man könnte Ayoub Sfaxis einen Unruhestifter nennen. Als er 15, 16 ist, beginnt er Fragen zu stellen. Das schickt sich nicht in Tunesien. Vor 5 Jahren dann organisierte er Demonstrationen: in mehreren Städten probten Gymnasiasten den Aufstand, wegen steigender Preise und für die Intifada in Palästina – für was man sich als tunesischer Jugendlicher so interessiert. Sfaxi hat Demos in Zarzis organisiert, seiner Heimatstadt. Er hat teuer dafür bezahlt.

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Wir haben nicht für Al Qaida oder sowas demonstriert, sondern für unser Recht, für etwas, das gut ist. Über Tunesien wird im Ausland geschrieben, daß die Regierung das und das und das tut, aber sie tut nichts.. Deswegen haben wir demonstriert.

Seitdem kennt er Tunesiens Polizeireviere und das Gefühl, verprügelt zu werden. Die Lehre, die er aus seinem Gefängnisaufenthalt zieht, ist aber eine andere, als die, die sich der Staat erhofft: Sfaxi stellt weiter Fragen und findet keine Antworten. Dann tut er das, was viele Jugendliche tun in einem Land wie Tunesien, wenn sie einen wachen Verstand haben und an Korruption, Überwachung und Unterdrückung verzweifeln: Er sucht die Antworten nicht in der Politik: erst kommt der Islam und dann kommt das Internet.

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Die haben sich gedacht: diese Jugendlichen da, die werden später irgend was anstellen. Also muß man sie gleich ausschalten.

Er sagt: er hätte nie an Bomben gedacht, niemals.

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Sie haben diese großen Anschuldigungen erhoben, um ein hartes Urteil zu bekommen, selbst wenn die Strafen herabgesetzt werden, sind sie immer noch hart. Damit wollen sie dem tunesischen Volk sagen: Paßt auf, wir überwachen von den kleinsten bis zu den größten alle und selbst, wer glaubt, er sei stark, ist es nicht!

Als der Prozeß begann, war Sfaxi bereits aus dem Land geflüchtet – er hatte einen Tip erhalten, Zarzis ist eine kleine Stadt. Sein bester Freund hat sich nach Schweden abgesetzt.

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In Tunesien war ich oft in Polizeigewahrsam und ich hatte zunehmend das Gefühl, daß es unmöglich war, in Tunesien zu bleiben. Und ich hatte Informationen, daß es besser wäre zu gehen, sonst hätte ich in der Patsche gesessen.

Aymen Mcharek hatte weniger Glück. Mcharek kommt aus Rosenheim in Bayern, seine Eltern sind Tunesier. Als er am 16. März 2003 zum Urlaub ins Land seiner Eltern kommt wird er verhaftet. Seitdem wurde er gefoltert und verurteilt. Mcharek sitzt noch immer in einem tunesischen Gefängnis ein. Beweise gegen ihn gibt es keine.
Sfaxi sitzt in Frankreich. Ohne Abitur, er hat Asyl bekommen, aber die französischen Behörden sehen seinen Bart und mißtrauen ihm. Er ist nicht glücklich, aber wo soll er hin?

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Meine Zukunft in Tunesien ist zerstört. Unsere Familien und die, die im Gefängnis sind, haben keine Zukunft mehr in Tunesien.

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Ich fühle mich schuldig, vor allem, wenn ich allein bin, und meine Jugendfreunde sind nicht da, da fühle ich mich sehr schuldig. Sie haben nichts getan und ein gutes Herz und sitzen doch für 13 Jahre im Gefängnis.

Thema: Tunesien – der Bock zum Gärtner

Datum: Dienstag, 15. November 2005
Länge/Sender: 3.55/ARD

11 2005 1 2 dto, mehr Quietschen, etwas länger.

Wer aus einer afrikanischen Hauptstadt nach Tunis kommt, kriegt einen Kulturschock: so sauber, so geordnet, sowenig Schlaglöcher in den Straßen – und – eine Straßenbahn, die nicht nur regelmäßig verkehrt, sondern auch vertauenswürdig aussieht.
Tunesien ist kein Entwicklungsland mehr – es gibt zumindest in den Städten eine Mittelklasse, die sich Kleinwagen, Kühlschränke und Urlaubsreisen leisten kann – der Verkehr in Tunis legt davon Zeugnis ab.
Doch dafür zahlen die Tunesier einen hohen Preis.
Tunesien gehört zu den Ländern, in denen man mehr Angst vor der Polizei als vor Verbrechern haben muß.
Sihem Bensedrine kann ein Lied davon singen. Sie ist Journalistin, hat für 3 Jahre in Deutschland Asyl gefunden, hat in Tunesien Arbeitsverbot und wird vom Regime des Präsidenten Ben Ali seit Jahren verfolgt.
Zusammen mit mehreren internationalen Organisationen wollten sie einen alternativen Gipfel für diese Woche organisieren und ihn bei einem Treffen im deutschen Goethe-Institut in Tunis vorbereiten.
Weit kamen sie nicht.

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Wir waren gerade im Institut angekommen, als die Polizei die Jagd auf uns begann, sie haben uns Gewalt angetan, geschlagen, nicht nur wir Tunesier, wurden zu Boden gerissen und beleidigt. Danach haben sie uns fast drei Stunden durch die Stadt gejagt. Überall, wo wir hinkamen, hieß es, nein, hier bleibt ihr nicht, hier nicht.

Es gibt keine Versammlungsfreiheit in Tunesien, von Pressefreiheit kann sowieso keine Rede sein. Das Internet wird zensiert: zusammen mit Nordkorea, dem Iran und China gehört Tunesien zu den Ländern, in denen es am wenigsten Freiheit gibt.

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Wir verstehen wirklich nicht, wie es sein kann, daß auf einem Weltgipfel zur Information, der eigentlich das Recht aller sicherstellen soll, sich zu informieren, daß wir dieses Recht nicht haben.
Rechtsstaat ist unbekannt, Anwälte werden von der Polizei verfolgt, 3 Geheimdienste bespitzeln die Bevölkerung. Wer mit Sihem Bensedrine sprechen will, muß durch eine ganze Horde finsterer Zivilpolizisten, denen man nachts nicht auf der Straße begegnen möchte. Tunesier dürfen nicht zu ihr.

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Die ganzen Zivilpolizisten rund um dieses Haus. Was soll das? Wenn ich die frage: auf welcher Grundlage hindern Sie meine Gäste am Zutritt? Haben Sie eine schriftliche Anordnung? Dann sagen die, nein, die kommen hier nicht rein und basta. Das ist ein Bruch tunesischer Gesetze.

Selbst den wirtschaftlichen Erfolg des Regimes Ben Ali, der sich vor 18 Jahren an die Macht geputscht hat, bestreitet Bensedrine.

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Das war nicht er, der uns das gebracht hat! Was hat er uns gebracht? Er hat uns die Mafia gebracht, er hat die Ressourcen des Landes mobilisiert, um sie in die Taschen der seinen zu stopfen. Er behindert das weitere Wachstum des Landes, die Daten sind dabei sich zu verlangsamen.

Ben Alis zweite Frau hat eine große Familie – wer hier Geschäfte machen will, kommt an ihnen nicht vorbei – die Korruption bedroht Tunesiens Wirtschaftswunder.
Der lange Arm des tunesischen Regimes reicht auch ins Ausland.

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Unsere Seite wird im Prinzip seit ihrer Gründung in Tunesien zensiert, wie alle Seiten der Opposition und alle nicht-offiziellen Seiten. Sobald Du Informationen publizierst, die nicht von der Regierung autorisiert wurden, wirst Du zensiert.

Reveiltunisen
, Tunesier wacht auf, heißt die regimekritische Website. Hasni, der in Frankreich wohnt, ist einer ihrer Webmaster. Von hier aus kommt auch Tunezine – ihr Webmaster war in Tunesien verhaftet worden und starb kurz nach seiner Freilassung – mit 34 Jahren an Herzinfarkt. Jetzt kommt sie von hier. Beide Seiten werden immer wieder mit Viren zugemüllt und attackiert. Hasnis Provider wurde von Tunesiern in Frankreich bedroht.

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Das ist eine Absurdität. Ich weiß nicht, was sich die UN und die Schweiz dabei gedacht haben, um einem Diktator, der als einer der größten Zensoren weltweit angesehen wird, mit China, Cuba, Nordkorea, einem solchen Diktator also die Organisation eines Weltgipfels zur Information anzuvertrauen.

Weil Tunesien sich als stabiler Faktor und Kämpfer gegen den Terrorismus präsentiert, hat es vor allem in Frankreich einen mächtigen Freund – weder die Europäische Union, noch die USA versuchen ernsthaft, Reformen im Polizeistaat zu erreichen. Ganz im Gegenteil: hunderte politische Gefangene, Schauprozesse und allgemeine Folter haben den ehemaligen Bundesinnenminister Schily nicht davon abgehalten, die demokratischen Fortschritte in Tunesien laut zu loben.
Sihem Bensedrine wird noch lange kämpfen.

Thema: Tunesien verhindert Gegengipfel
Datum: Mittwoch, 16. November 2005
Länge/Sender: 3.00/ARD
Autor: Gabor Paal

Die Vorfälle mehren sich. Am Freitag war ein Reporter der französischen Zeitung Liberation zusammen geschlagen worden. Am Montag ist ähnliches einem belgischen Fernsehjournalisten widerfahren. Beide Journalisten hatten zuvor über die Menschenrechtssituation in Tunesien recherchiert und entsprechende Interviews geführt. Der französische Fernsehsender TV5 hat bereits sein Kamateam aus Tunesien abgezogen – zu groß die Gängeleien durch die Sicherheitskräfte, so begründete der Sender die Entscheidung.
Und dann die Erfahrungen von Olga Drossou von der deutschen Heinrich-Böll-Stiftung. Sie wollte sich im Vorfeld des Gipfels mit befreundeten Organisationen treffen und abstimmen. Dieses Koordinierungstreffen war seit Monaten geplant gewesen.

Cut:

Ähnliches ist es Menschenrechtsorganisationen ergangen, die wollten parallel zum Informationsgipfel eine Gegenveranstaltung organisieren wollten. Mit an der Planung beteiligt war der Journalist Julien Pain, Mitglied der Organisation Reporter ohne Grenzen.

Cut:
Jeder Ort, den die Planer des Gegengipfels in Erwägung zogen ist von den Behörden abgelehnt worden. Also haben wir keine Räumlichkeiten. Dann wollten wir den Gegengipfel in den Räumen von unabhängigen Organisationen durchführen, doch die Sicherheitskräfte haben uns regelmäßig am Betreten der Gebäude gehindert.

Schließlich wollten sich die Organisatoren im deutschen Goethe-Institut in Tunis treffen. Doch auch dies gelang nicht – schildert Reni van Jansen vom dänischen Human Rights Institute.

Cut:
Als wir ankamen, wurde unseren tunesischen Kollegen der Zutritt verwehrt. Polizisten in Zivil blockierten den Eingang zum Goethe-Institut, und als wir unseren tunesischen Freunden zuriefen, sie sollten doch reinkommen, wurden wir alle gewaltsam weggedrängt, gegenüber den Tunesischen Kollegen war die Polizei noch brutaler. Die wurden regelrecht weggetragen. Wir versuchten dann ein weiteres Treffen an einem anderen Ort und dort passierte das gleiche. Schließlich kam der Deutsche Botschafter bei den Vereinten Nationen in Genf dazu, Michael Steiner, und selbst ihm wurde der Zugang zum Goetheinstitut verwehrt.

Die deutsche Delegation ist empört. Botschafter Steiner wird mit den Worten zitiert, er sei froh, dass er das Vorgehen selbst erlebt und nicht nur über Dritte davon gehört habe.
Offiziell will er sich zu dem Vorgang nicht äußern. Das überlässt er dem deutschen Delegationsleiter Bernd Pfaffenbach.

Cut:

Allerdings soll es vorerst bei diesem Protest bleiben – stärkerer Druck auf Tunesien ist derzeit nicht geplant – und in der EU auch nicht mehrheitsfähig. Gabor Paal, Tunis.

Thema: Internetzensur

Datum: Freitag, 18. November 2005
Länge/Sender: 3.30/ARD/ Autor: Gabor Paal

Anschauungsmaterial für Internetzensur – die gibt es schon auf dem Informationsgipfel in Tunis.

Cut:

Ich zeig ihnen was, sagt Eric Goldstein vom Human Rights Watch Institute. An seinem Notebook ruft er die Internet-Seite des Bürgergipfels auf – der Gegenveranstaltung, die Menschenrechtsgruppen parallel zum Informationsgipfel geplant haben.

Cut:

Hier, in den Hallen des Gipfels kann ich die Seite aufrufen – so dass jeder hier denkt, in Tunesien gibt es keine Zensur – aber sobald ich das Gelände verlasse, ist die gleiche Seite gesperrt.

Andere Teilnehmer machen die gleiche Erfahrung. Die tunesische Regierung arbeitet mit einem Filtersystem der amerikanischen Firma Smart Filters. Das gleiche System ist in Saudi-Arabien im Einsatz, in Sudan und den Vereinigten Emiraten, erklärt Nart Villeneuve, er ist Experte für Internetzensur am Citizen Lab in Canada.

Cut:
Es sind überwiegend mit Sitz im Silicon Valley, die die Filter-Systeme herstellen. Die besten Ingenieure der USA produzieren Filter-Techniken, die in Länder wie China oder Tunesien exportiert werden. Andere amerikanische Firmen wiederum entwickeln die Systeme, mit denen man Internet-Nutzer überwachen kann.

Der Iraner Hossein Derakshan hat vor vier Jahren von Kanada aus die ersten Web-Blogs in persischer Sprache verfasst und die Idee des Bloggens überhaupt unter Iranern bekannt gemacht. Solche Web-Blogs erlauben es jedem Nutzer mit einfachen Mitteln seine eigenen Texte und Bilder zu veröffentlichen. Derakshan hatte Erfolg: Nach vier Jahren gibt es 700.000 iranische Web-Blogs. Aber auch die werden zunehmend von der iranischen Regierung gefiltert, berichtet er.

Cut:
Sie filtern alles, was populär ist, alles, was irgendwie politisch ist und alle Blogs, die öfter als 50 Mal aufgerufen werden.

Cut:
Ich glaube, der Staat macht sich weniger Sorgen darüber, dass unerwünschte Informationen verbreitet werden – die Iraner bekommen schon so viele Informationen übers ausländische Satellitenfernsehen, und das erreicht viel mehr Leute als die Blogs. Wovor sie Angst haben ist, dass sich Menschen übers Internet organisieren. Deshalb fürchten sie sich schon vor kleinen Websites, auf die vielleicht nur 50 Leute zugreifen.

Es ist aber nicht nur beim Filtern von Seiten geblieben. Diverse Blogger landeten schon im Gefängnis.

Cut:
Einer ist immer noch in Haft, weil er die Führung des Iran – wie es offiziell heißt – beleidigt hat. Auch ich wurde verfolgt, als ich kürzlich während der Wahlen im Iran war. Ich hatte gedacht, vor den Wahlen würde sich das Regime etwas demokratischer verhalten als sonst. Aber auch ich wurde verhaftet, sie haben mich 6 Stunden lang verhört und mir dann zu verstehen gegeben, ich sollte nicht wieder in den Iran zurückkommen.

Cut:

Es sind längst nicht nur der Iran und China, die Internetseiten filtern, die Internetzensur nimmt weltweit zu, beobachtet Nart Villeneuve. Schließlich ist das Sperren von Seiten viel weniger aufwändig als die ständige Überwachung der Nutzer.

Cut:
Indien zum Beispiel. Indien wollte zunächst nur bestimmte Seiten des Internetproviders Yahoo sperren. Aber das Ergebnis, dass die komplette Yahoo-Gruppe – und das sind viele Millionen Seiten – gesperrt war. Das ist ein typisches Problem: Das Über-Blockieren. Es wird mehr gefiltert, als die Regierungen ursprünglich beabsichtigten. Aber das nehmen sie in Kauf. Und mal kommen sie dadurch auch auf den Geschmack. Nehmen Sie Thailand. Thailand hatte zunächst ein Filter-System, um gegen Sextourismus vorzugehen. Das ist verständlich, denn das ist dort ein wirkliches Problem. Sie bauten Filter ein, um Kinder- und Gewalt-Pornografie und Sex-Tourismus-Seiten zu sperren. Aber inzwischen blockieren sie auch Seiten, die sich kritisch mit der Königsfamilie auseinanderstezen oder mit Korruption.

Gefiltert werden nicht nur bestimmte Seiten. Auch Suchmaschinen können entsprechend manipuliert werden. Gibt man im Ausland bei Google den chinesischen Begriff für Tiananmen Massaker ein – erhält man unzählige Seiten als Ergebnisse. Gibt man den gleichen Begriff in China ein – erhält man lediglich einen einzigen Treffer – falls nicht schon gleich der ganze Zugriff auf Google blockiert ist. Oder das Wort Anonymizer – das sind Programme, die es Web-Bloggern erlauben, ihre Texte anonym zu verfassen.

Cut:
Wenn Sie hier in Tunesien das Wort Anonymizer in Google eingeben, erhalten sie keinen Treffer – denn die Ergebnisseite ist gesperrt.

Viele Regierungen wissen gar nicht, was ihr System alles filtert. Denn die Filterlisten sind das geistige Eigentum der Firmen, die die Internet-Filter herstellen.

Cut:
Smart Filter – das System, mit dem Tunesien arbeitet, filtert zum Beispiel viele auch völlig unpornografische Seiten mit Informationen, die für Homosexuelle interessant sind. Tunesien wollte einen solchen Filter gar nicht – aber im System, das sie benutzen, ist das nun mal so drin.

Würde eine amerikanische Firma Waffen an China liefern – bekäme sie großen Ärger. Aber ohne Probleme kann eine Firma Überwachungs- und Filter-Software an einen Staat liefern, der damit die Meinungsfreiheit unterdrückt.

Cut:
Es gab schon Forderungen, solche Exporte per Gesetz zu verbieten oder zumindest bestimmten Regeln zu unterwerfen. Denn die Firmen sagen nur – was unsere Kunden – also die Länder – mit unseren Produkten machen, geht uns nichts an. Eine Investmentgruppe hat kürzlich immerhin entschieden, nicht mehr in solche Firmen zu investieren. Es ist also etwas in Bewegung – aber wir müssen abwarten, was daraus wird.


Thema: Allgegenwärtige Zensur

Datum: Freitag, 18. November 2005
Länge/Sender: 4.05/ARD

UNO-Generalsekretär war bei seiner Ansprache zum Weltinformationsgipfel in Tunis diplomatisch:

Annan 2
Ohne Offenheit, ohne das Recht, Informationen zu suchen, zu empfangen und zu verteilen, in jedem Medium und ohne Rücksicht auf Grenzen wird die Informationsrevolution stoppen und die Informationsgesellschaft, die wir errichten wollen, wäre eine Totgeburt.

Der Schweizer Präsident Samuel Schmid dagegen wurde überaus deutlich – Tunesiens Herrscher Ben Ali mußte sich herbe Kritik anhören:

Samuel Schmid, Präsident der Schweiz.
Es ist nicht hinnehmbar, daß die Vereinten Nationen noch immer unter seinen Mitgliedern Länder zählt, die ihre Bürger aus dem einzigen Grund ins Gefängnis setzen, weil sie im Internet oder in der Presse ihre Regierung kritisiert haben. (Applaus) Alle Informationsgesellschaften akzeptieren unabhängige Medien und die Menschenrechte.

Schmid 2
Für mich ist es selbstverständlich, daß hier in Tunis sowohl innerhalb als auch außerhalb dieser Mauern jeder in Freiheit diskutieren kann.

Was für den Schweizer Präsidenten selbstverständlich ist, hat nichts mit der Realität zu tun, und die Gipfelteilnehmer bekamen das zu spüren: sie mußten schon Monate vor Beginn alle Dokumente, die verteilt werden sollen, bei der tunesischen Zensur einreichen.
Selbstverständlich hat aus den staatlichen Medien kein Tunesier auch nur ein Wort dieser Kritik erfahren, dort sind Jubelarien auf den Großen weisen Führer Pflicht.

Ich zeig ihnen was, sagt Eric Goldstein vom Human Rights Watch.
Das ist die Seite des Bürgergipfels zur Informationsgesellschaft, eine Alternative zum Gipfel von Menschenrechtlern aus Tunesien und dem Ausland. Von hier aus, vom Konferenzgebäude, habe ich kein Problem. Außerhalb dieses Gebäudes ist die Webseite blockiert.

Wer einen Internetanschluß hat, darf nicht über Politik diskutieren. Staatliche Zensoren lesen jede Email, bevor sie Tunesien verläßt, Kodierungsprogramme sind verboten. Alle Internetprovider gehören der Familie des Präsidenten Ben Ali.
Telefone werden überwacht. Jeder Taxifahrer ein Spitzel, auf einen uniformierten Polizisten kommen zwei bis drei, die die Bevölkerung überwachen: Tunesien ist der wahr gewordene Traum der früheren ostdeutschen Stasi.
Das haben auch die Teilnehmer am Informationsgipfel zu spüren bekommen: systematisch hat der tunesische Sicherheitsapparat verhindert, daß Menschenrechtler einen Alternativgipfel organisieren konnten – und dabei Vertreter der Heinrich Böll-Stiftung genauso wie die tunesische Journalistin Sihem Bensedrine gehindert, sich im deutschen Goethe-Institut zu treffen.

11 2005 1 5
Wir waren gerade im Institut angekommen, als die Polizei die Jagd auf uns begann, sie haben uns Gewalt angetan, geschlagen, nicht nur wir Tunesier, wurden zu Boden gerissen und beleidigt. Danach haben sie uns fast drei Stunden durch die Stadt gejagt. Überall, wo wir hinkamen, hieß es, nein, hier bleibt ihr nicht, hier nicht.

Bensedrine hat Berufsverbot. Das Regime hat sie ins Gefängnis geworfen und verprügelt. Folter ist in tunesischen Polizeiwachen gängige Verhörmethode. Das mußte auch Ayoub Sfaxi erfahren. Der damals 19-jährige hat schließlich weißes Papier unterschrieben, damit spätter Geständnisse eingefügt werden können. Er ist nach Frankreich geflohen, in Tunesien warten 19 Jahre Haft auf ihn. Sein Vergehen: er hatte islamische Webseiten besucht.

10 2005 3 4
Sie haben gesagt, wir stünden mit Al Qaida in Verbindung. Daß wir Bomben konstruieren wollten. Daß wir ohne die Genehmigung des tunesischen Staates Treffen organisiert hätten. Und daß wir Explosionsmaterial ohne Genehmigung gelagert hätten.

Nichts davon wurde je bewiesen, aber 6 Freunde von ihm sitzen in tunesischen Haftanstalten, einer davon kommt aus Rosenheim und hat einen deutschen Paß.

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Versuche, irgendeine andere Information als die staatliche in Tunesien zu bekommen, es gibt sie nicht. Weder in der Presse noch im Internet.

Hasni stellt seine Webseite tunisienreveil deshalb von Frankreich aus ins Netz, in Tunesien ist sie verboten.
Tunesiens Präsident hat Paranoia zum Regierungsprinzip gemacht. Die lückenlose Überwachung und Unterdrückung der Bevölkerung soll seine Macht sichern und gibt seiner Familie die Gelegenheit, sich zunehmend zu bereichern.
Eine Revolution wird es sobald nicht geben, denn Tunesien geht es wirtschaftlich besser als fast allen anderen afrikanischen Ländern. Aber, sagt Sihem Bensedrine, das reicht nicht.

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Sie haben ja die DDR und die UdSSR gehabt, Länder, in denen Züge fuhren und Menschen zum Mond flogen, die Leute Arbeit und genug zu essen hatten, es gab keine Arbeitslosigkeit und trotzdem war das nicht genug. Die Freiheit, das ist etwas, was genauso wichtig ist wie Sauerstoff.